P.S. Du musst fliegen (I)

Sie warf sich ihren Rucksack über die Schulter. Nie mehr- schwor sie sich. Nie wieder. Mit festem Blick wandte sie sich ab und ging. Wohin wusste sie noch nicht, wann sie wieder kommen würde auch nicht. Ihre schwarzen Haare fielen ihr ins Gesicht und blieben an den nassen Wangen kleben.
Müde streiften ihre Hände durchs Gesicht und sorgten in dem Durcheinander für Ordnung.
Nach einigen Überlegungen bog sie halb rechts ab, zog sich ein Taschentuch aus der Hose und wischte sich den restlichen Kajal und die Wimperntusche aus dem Gesicht.

Nach wenigen hundert Metern war sie da. Am Ziel ihrer zahllosen Ausflüge, am Ort ihrer Träume.
Sie setzte sich, ließ die Beine in der Luft baumeln und genoss die Aussicht. Das Wasser glitzerte in der Dämmerung und die Lichter fingen langsam an sich darin zu spiegeln.
Hierher kam sie, um allein zu sein, um nachzudenken und zu weinen. Ja oder halt zum träumen.
Keiner hat ihr gesagt dass das Leben so ungerecht sein kann…
Keiner hat ihr gesagt wie es im Leben wirklich läuft…
Keiner hat ihr gesagt dass man an sich glauben muss…
Ihr war kotzübel. Sie warf den Kopf in den Nacken und ging die Szene noch einmal durch. Immer und immer wieder- an ihr änderte sich nichts. Wie oft schon hatte sie es miterlebt und miterleben müssen? Ihre Hände ballten sich zur Faust, ohnmächtig auch nur irgendetwas ausrichten zu können. Wut stieg in ihr hoch und verschaffte sich durch ein lautes „Ahhhhh…“ gehör. Sie atmete durch. Besser ging es ihr dadurch nur für einen Moment. Ihr Blick fiel auf die Wiese vor ihr, auf den Steg und auf die Menschen, die sich vor ihr tummelten- fast so klein wie Ameisen.

Sie stand auf, öffnete ihren Rucksack holte ihren blauen Ipod heraus und setzte sich die Kopfhörer auf die ihr Bruder ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Und jetzt tat sie das, was sie in solchen Momenten immer tat und liebte. Sie fing an zu leben und damit wieder wirklich an zu atmen. Die Musik und der Tanz machten sie frei, ließen sie glücklich und zufrieden sein.
Über den Dächern von Berlin schwebte sie dahin. Ihre schwarze Hose, ihr buntes Tanktop und die zum Dutt geformten Haare standen ihr.
Sie ließ sich in die Musik fallen und sich von der Abenddämmerung einhüllen….

An diesem Ort konnte sie sein wer sie war, konnte sie leben was sie ist, konnte sie fliegen.
Sie sah auf die Dächer Berlins und sie spürte tief in ihrem Herzen, das es da noch mehr Menschen gab die fliegen wollten.
Beflügelt kletterte sie die Leiter der Dachterrasse hinab, streifte durch die Straßen und sah sich die Menschen an. Einigen flüsterte sie im Vorbeigehen zu „ Du musst fliegen“- in der Hoffnung dass es irgendwas in ihnen hört.

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