P.S. „Du musst fliegen“ (II)

Sie rannte und rannte, an der nächsten Ecke blieb sie keuchen stehen. Drehte sich um und nahm das Haus auf der gegenüberliegenden Seite ins Visier. Ihre Augen schätzten die Entfernung von Gartentor und Hauseingang ab. Dann hörte sie einen dumpfen Knall…

… sie riss die Augen auf und fand sich in ihrem Bett wieder. Wieder einmal.

Mit schweißnassen Händen fuhr sie sich durchs Haar. Schlafen konnte sie nicht mehr. In ihrem Kopf rannten die Gedanken weiter. Sie stand auf, ging in die Küche und holte sich ein Glas kaltes Wasser.
Sie setzte sich im Bademantel an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf.

Ihr Blick fiel auf die Anzeige die sie fett markiert hatte. Mit der rechten Hand wählte sie die Nummer auf ihrem Telefon, mit der linken Hand legte sie schnell wieder auf, als sie merkte wie viel Uhr es war.

Hellwach und doch müde streifte ihr Blick die restlichen Anzeigen. Als sie anfing zu frösteln ging sie schnell wieder ins Bett und fiel die wenigen Stunden bis zum Morgengrauen in einen unruhigen Schlaf.

Um 8.00 Uhr morgens klingelte ihr Wecker. Pünktlich wie immer. Unpünktlich wie fast immer erschien sie dann auf Arbeit, mit einem großen Becher Kaffee in der rechten und der aktuellen Zeitung unterm linken Arm geklemmt. Sie wusste dass sie die Zeit nacharbeiten musste. Aber es machte ihr nichts, sie war gern allein im Büro, dann hatte sie das Gefühl dass die Minuten wie in Zeitlupe an ihr vorbei liefen und es kam ihr so vor als hätte die Stille ihr etwas zusagen. Sie mochte diese Momente. Denn dann konnten sich ihre Gedanken die Wege bahnen die zuvor durch das Klingeln der Telefone oder durch lautstarke „Konversationen“ ihrer Kollegen-wie sie es nannten, ständig unterbrochen wurden und nie ihr Ziel fanden.

Normalerweise ging ihr das auf die Nerven, das wussten die anderen auch, aber wie das so ist im Leben- nichts ist perfekt. Blablabla, wie oft hatte sie das schon gehört?! Genervt stellte sie ihren Kaffee ab, legte die Zeitung in ihr Fach und öffnete ihren Laptop. Sofort fielen ihr tausend Dinge ein die sie zu erledigen hatte und mit dem Öffnen der ersten Fenster, überflutete sie ein Schwall an Informationen. Sie stöhnt kurz auf und hätte sich am liebsten eine Ablenkung gesucht um dieser so verhassten Arbeit zu entfliehen. Aber was solls. Tag für Tag das Gleiche. An diese Routine hatte sie sich schon gewöhnt. Leider. War man im Leben nicht zu mehr berufen? Konnte das wirklich schon alles sein? Ihr fiel die vergangene Nacht ein. Gut dass sie wenigstens im Traum weglaufen konnte. Dann gingen ihr die Anzeigen durch den Kopf die sie vergangene Nacht durchgeblättert hatte. Vielleicht sollte sie doch,…?

Eine Männerstimme riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Chef lehnte sich über ihren Schreibtisch. Er wusste einfach womit er bei ihr ankam- immer noch- obwohl es schon so lange her war und auch eine andere Geschichte ist… Und er sah sie an mit dem Blick an der ihr verriet, dass es zwecklos war sich herauszureden. Er wusste so gut wie kaum ein anderer was in ihr vorging. Diese Dinge hatten sich nicht geändert.

Sie antwortete auf seinen Blick mit einem tiefen Seufzen und wendete ihren Blick wieder Richtung Arbeit.

Sie verlor die Zeit aus dem Blick, erst als sie merkte dass es still um sie geworden war fiel ihr auf, dass sie inzwischen fast allein im Büro saß. Ihr Kaffee war kalt geworden und die Zeitung lag unberührt im Fach neben ihr. Sie lehnte sich zurück, holte tief Luft und sah, dass die Letzten gegangen waren. Ihre Gedanken erlaubten sich einen kleinen Ausflug und malten ihr mal wieder ein Bild vom Leben wie es hätte sein können. Sie sah die alte Schuhmaschine die ihrem Großvater gehörte, sie sah wie ihre Großmutter mit ihren geschickten Händen Tischdecken und Kissenbezüge bestickte. Oft hatte sie als Kind viel Zeit bei ihnen verbracht und gedacht wie verrückt es doch wäre beides zu kombinieren. Verrückt hielten auch die anderen ihre Idee und belächelten sie. Also packte sie diese für sie so wertvolle und teure Fracht in ihr Herz so dass sie einst geboren werden konnte- oder auch nicht.

Müde und erschöpft packte sie ihre Sachen zusammen und machte sich auf den Heimweg. Die Straßen waren noch gut gefüllt. Es hatte ein bisschen angefangen zu Regnen. Da die Luft aber noch warm war kam es ihr eher wie eine Erfrischung vor. Es duftete nach Erde und Asphalt. Die Straßenlampen leuchteten in der Dämmerung wie treue Weggefährten. Und sie schlenderte an den Geschäften vorbei. Blieb vor den Schuhgeschäften stehen und musste an ihren Traum denken, den sie tief im Herzen vergraben hatte, sich aber langsam seinen Weg nach oben bahnte.

Dann hörte sie auf einmal eine Stimme die ihr zuflüsterte „Du musst fliegen“. Sie drehte sich erstaunt um, da war niemand. Also schon, jede Menge Leute die eilig an ihr vorbeigingen. Komisch- wo kamen diese Worte her? Einbildung?
Sie sah auf die Schuhe, und wieder zurück in die Menschenmasse, die wie ein Schwarm Fische an ihr vorbeizog und wieder auf die Schuhe, formte mit ihren Lippen die Worte die ihr soeben zu geflüstert wurden und wusste auf einmal was sie zu tun hatte.

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